Speed und Pappen
Ich schlendere im Fuhrpark von der Tanzfläche runter, weg, unter den roten Lampen hindurch die an diesem berauschenden Abend den Sternenhimmel ersetzten, urbane Romantik. Vorbei an den überdimensionierten Bänken auf denen sich hier und da Gestalten der Nacht räkeln, vorbei an dem Busskelet, welches im Zuge der intravenösen Nachrichtenbilder zum Teil wie ein pikanter Scherz erscheint. Zu stark haben sich die Bilder ausgebombter Busse, die viele unschuldige Seelen unter sich begraben halten, in die Hirnrinde eingebrannt. Mein Fernseher funktioniert seit Anfang des Jahres nicht mehr, ein schönes Gefühl. Und trotzdem! Weiter in das nebenstehende Gebäude, durch ein gigantisches Tor ins Licht, werde ich von der Helligkeit aus dem Taumel katapultiert und erinnere mich plötzlich an das eigentliche Ziel meines Ausflugs.
Schnur-straks durch den erleuchteten Tunnel in die Toiletten, Wasser auffüllen, mehr will ich nicht. Es ist nicht möglich die Bierflasche unter diese gehässigen Wasserhähne zu quetschen, die Schwerkraft unmöglich außer Gefecht zu setzen. Schlussendlich bekomme ich die Flasche doch noch zu einem guten Teil gefüllt. Da spricht mich ein Typ an, Sorte Turnschuh-tragender Athletik-Proll, Diesel Hose die männliche Geschlechtsmerkmale auf seltsame, mir fremde Weise hervorhebt. Wollte immer schon mal die dazu gehörenden Weibchen fragen was sie davon halten, das aber nur so nebenbei. Den Kapuzenpullover hat er weit in Gesicht gezogen, schmales Gesicht, unruhige wache Augen. Sofort schwirrt mir im Kopf herum, wie wenig Übung ich doch hatte mit ihm zu sprechen, da kommen auch schon die ersten Sätze durch Raum gehallt. Der Klang seiner Stimme in dem vier Meter hohen Raum passt sich nahtlos in die Kälte ein und führt die Szenerie der Toilette bis zu ihrer stilistischen Vollendung. Über den kleinen Waschbecken hängen keine Spiegel. Über den der Mädels vielleicht, doch sind auch deren Becken bierflaschenungeeignet, hatte ich bei meinem letzten Streifzug in die Räumlichkeiten schon herausgefunden. Er erzählt irgendwas von Studenten auf dem Karnevall der Verpeilten vor zwei Wochen, von deren drogenverseuchten Gesichtern. Bewunderung schwingt mit in seiner Stimme. Jedem den seinigen Lebensrythmus. Ich verschweige, dass ich ebenso mehr über Zetteln brüte als körperlich zu arbeiten. Überraschender Weise, beginnt er von sich zu erzählen, mir offenbarend, dass er auch dealt, aber nur mit Speed und Pappen. Ich bin gerührt ob so viel Größe. Von dem ersteren ist bereits einiges in ihm, so scheint mir. In seiner Stimme klingt Stolz eines jungen Mannes der noch nicht ganz tief gefallen ist und in dem Wissen das es noch schlimmer geht seine Würde zieht. Die subjektive Positionierung des Individuums drängt sich mir dieser Tage öfter auf. Blitzartig wird mir klar, dass die vermutete Existenzberechtigung nachmittäglicher Schwachsinnssendungen hier für mich ihre Auferstehung feiert. Ich habe seinen Namen vergessen. Hat er ihn mir gesagt? Nett ist er. Ich spreche weiter mit ihm. Weiter legt er mir seine Lebensorientierungs- und Gehhilfen ungeniert da, bin verblüfft ob so einer krassen einfältigen Ehrlichkeit die ihn mir sympathisch erscheinen lässt. Seine Mutter ist eine von diesen. Er zitiert sie gerne mit den Worten die irgendeinen langweiligen Zusammenhang zwischen wochen(un)endlichen Eskapaden und der Pflicht am Montag Leistung zu bringen herstellen. Er verpackt es nicht in eigene Worte, seltsam traurig wirkt das auf mich. Ich hatte nie das Gefühl mich mit solchen Maximen auseinander setzen zu müssen. Sie sind in mir, Verzerrungen bis zur Unkenntlichkeit inklusive, doch nie ist das Band gerissen, vielleicht deshalb. Verspüre Respekt vor ihm, denn ich habe das Gefühl, dass er viel tiefer sein könnte. Schlussendlich befinden wir uns schon wild plaudernd auf dem Rückweg aus dem gleißenden Neonlicht auf den Hof, zurück unter die roten Sterne. „Na dann ma, nochn schön Abend, viel Spaß Meister!“ Ich bin einen halben Kopf kleiner als er.
Berlin, 05102008
