Rauf auf den Berg, raus aus den Wolken

Hier sitze ich im Wohnzimmer, hoere Polka viel zu laut, vor mir ein Glas Wasser und eines mit Rum auf Eis. Ron Añecho SANTIAGO de Cuba. Der Blick aus dem Fenster gen Norden: gelbe Strassenlaternen, rote Ampeln, manchmal gruen, achtstoeckige Wohnhaeuser und weiter weg weiss ich, da sind Berge.

Am Montag schon fliege ich wieder nach Berlin. Seit November wird das meine vierte Flugreise in 13 Flugzeugen. Ich schwebe dahin und davon, daher wo auch immer. Einen Monat hier, eine Woche zwischendurch, einen Monat dort und wieder zurueck nach hier. Jetzt wieder los in noch mal eine ganz andere Welt. Es wirbelt nur so.

Ein indischer Elefantengott unter dem Bildschirm, auf welchem jener Text erscheint, starrt mich aus gruenen Augen an. Gestern war ich auf einer Ausstellung von Pierre Gonnord (http://www.pierregonnord.com). Terre de Personne zeigte Portraits, wie gemalt und Landschaftsaufnahmen von brennender Erde. Alte Frauen mit Bart doch voller Schoenheit, Bergbauarbeiter deren Augen glaenzten, vom Leben gezeichnete Koerper und Gesichter, die Anmut ausstrahlten. Menschen, als Bewohner, Gaeste dieses Planeten, die auch mal vertrieben werden, von seiner Gewalt, ihrer Kraft und Heiligkeit, die nicht nur ueber Pflanzen und Tiere herrscht. Der Planet die Mutter Erde. Gaia.

Keiner der Abgebildeten mit Namen wie Olympe, Konstantina, Bernardo oder Artopoeus hat jemals von so etwas wie einer Klimakonferenz gehoert, zumindest bin ich der festen Ueberzeugung. Doch gibt es so etwas ueberhaupt noch? Landstriche diese Erde, in denen es noch keine Computer gibt, kein Internet, keinen Konflikt zwischen Religionen, die uns hier in der westlichen Welt eigentlich gar nicht mehr so viel bedeuten? Jemanden der Obama und Osama  nicht kennt? Gestern habe ich sie gesehen und sie ruehren mich zu Traenen. Ein Teil von mir waere gern einer der Ihren. Nichts in der Welt, ausser die Glocke ueber mir, dessen Radius drei Tagesmaerschen entspricht. Leben, wie die Hobbits.  Doch die Frage bleibt: waere nicht gerade ich Bilbo, der auszieht, um die Welt zu erkunden? Wahrscheinlich. Statt im Land der Elben bin ich in Madrid gelandet. Wenn ich in einer Stunde ,nachts um halb zwei die Wohnungstuer hinter mir zu ziehe, fahre ich fuenf Stockwerke mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss, gehe durch den Hof, sage dem gelangweiltem Pfoertner, der mir jedes Mal aufs neue Leid tut, weil er nicht weiss, was er machen soll anstatt all die Ueberwachungsmonitore im Auge zu behalten: “hasta luego” und marschiere zur U-Bahn, um Paula aus der Bar ab zu holen, in der sie arbeitet. Die Frau, die ich in Indien kennen lernte und mit der ich um die halbe Welt fuhr. Auch in ihr hallen die Bilder von gestern nach, meine ich. Als wir heute frueher am Abend auf einer Bank sassen und einen Biomocca to go tranken sagte sie, sie koenne sich nicht vorstellen im Alter in einer Stadt zu leben. Das war nachdem wir zwei Hemden und eine Hose made in Myanmar und Bangladesch fuer jeweils zehn Euro gekauft hatten. Ach und drei Paare Unterhosen im Angebot fuer neunzehn funfundneunzig made in India.

Bevor ich gehe und mir verkrueppelte Kinder auf Werbeplakaten der Unicef mit der Unterschrift “HAITí TE NECESITA” wieder all diese gegensaetzlichen Gedanken aufdraengen, nehme ich noch ein heisses Bad. Das wird mir gut tun, nach den drei Glaesern Rum, die es inzwischen wurden. Nachher gehen wir noch auf eine Technoparty, hoffe ich, sodass ich das edle Zeug nicht nur des Genusses wegen trank.  Ich lasse auch nicht so viel Wasser ein.

~ von hotelelephant am Februar 6, 2010.

Eine Antwort to “Rauf auf den Berg, raus aus den Wolken”

  1. Observo esas mismas montañas desde mi cajita de cristal.
    Nunca aquí, nunca allá…
    ¿Que tal te sientan tus camisas nuevas?
    Acabo de envejecer 100 años

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