Leidenschaft für Bäume

•September 8, 2010 • Hinterlasse einen Kommentar

Hier ein sehr schönes Beispiel, welche perversen Effekte auftreten können wenn die Politik den Bürgern etwas aufzwingt was nicht bis zu Ende gedacht wurde: Im Artikel in der neuen Le Monde Diplomatique “Sowoges Leidenschaft für Bäume” berichtet Mark Hertsgaard über folgendes:

In Mali haben die Franzosen während der Kolonialzeit den Holzeinschlag unter Strafe gestellt. Zum einen um der vermeintliche Verwüstung der Region entgegenzutreten, zum anderen aber auch um selber Einschlagslizenzen verkaufen zu können. Damit verschwand das traditionelle Interesse der Bauern an Bäumen. Es ging sogar soweit, dass neue Baumsprösslinge einfach ausgerissen wurden um keine Probleme mit den Behörden zu bekommen. Am Ende dieser großartigen Politik stand genau das, was eigentlich vermieden werden sollte: die Verwüstung der Gegend. Seitdem den Menschen wieder verstärkt freihe Hand für ihre eigenen Geschicke in der Sahelzone gegeben wird, wird der Baum als natürlicher Sonnen- und Windschattenspender sowie als Energiespeicher und nützlicher Freund des Ackerlandbau wiederentdeckt. Toll, dass das dann auch von der Wissenschaft bestätigt wurde.

In diese Nachricht passt sehr gut, dass sich die Internationale Gemeinschaft jetzt doch dazu druchgerungen hat ein einmaliges Projekt in Ecuador zu unterstützen. Nach langem hin und her wird auf die Ölförderung im Yasuni-Nationalpark, gegen Kompensationszahlungen in Höhe der Hälfte der entgangenen Einkünfte durch einen UN-Treuhandfonds, verzichtet. Dies ist ein wirklich erstaunlicher Präzedenzfall, in dem die zahlende internationale Gemeinschaft (vor allem der Industrieländer) zu der globalen Verantwortung nicht nur in Form von Lippenbekenntnissen steht. Auch beinhaltet dieses Übereinkommen ein Eingestehen, dass der industrielle Reichtum ohne menschlichen und ökologischen Raubbau in dieser Form nicht exisitieren könnte. Oder wo stehen die letzten großen Wälder in Westeuropa?

Wir lernen ja nie aus, auch weil wir oft alles ein paar Male lernen müssen!

Siehe auch: http://www.markhertsgaard.com

Flotsam

•März 15, 2010 • Hinterlasse einen Kommentar

I am the one sEearching
flOating
endless horizons
physical borders
sEEking for answers
on questions hard to formulate
empty mind
just feelIng
hesitAting
findIng, rUshing
hypnotizEd
stagnation.

You are the one sEearching
flOating
endless horizons
physical borders
sEEking for answers
on questions hard to formulate
empty mind
just feelIng
hesitAting
findIng, rUshing
hypnotizEd
stagnation.

WE are the oneS searching
finding – eaCh other
floating
endless Horizons
exploring
physical Borders
finding anSwers
on queStions so vague
living hearTs
beaTing
just feeling
not trying only to Survive
things and thoughts intangible
jumping doWn
flying high
staGnation, but sensing solutions
suBconsciousness
mesmerizing our Inner Mirrors
seNding light
catching flowering Radiations
embraCing life.

I am the one
You are the one
We are the ones
searching
finding
new questions, new answers
wild guessing
heavy breathing
bathing in life so lucid, so deep, so moistly…

They - see us bathing …

Speed und Pappen

•Februar 19, 2010 • Hinterlasse einen Kommentar

Ich schlendere im Fuhrpark von der Tanzfläche runter, weg, unter den roten Lampen hindurch die an diesem berauschenden Abend den Sternenhimmel ersetzten, urbane Romantik. Vorbei an den überdimensionierten Bänken auf denen sich hier und da Gestalten der Nacht räkeln, vorbei an dem Busskelet, welches im Zuge der intravenösen Nachrichtenbilder zum Teil wie ein pikanter Scherz erscheint. Zu stark haben sich die Bilder ausgebombter Busse, die viele unschuldige Seelen unter sich begraben halten, in die Hirnrinde eingebrannt. Mein Fernseher funktioniert seit Anfang des Jahres nicht mehr, ein schönes Gefühl. Und trotzdem! Weiter in das nebenstehende Gebäude, durch ein gigantisches Tor ins Licht, werde ich von der Helligkeit aus dem Taumel katapultiert und erinnere mich plötzlich an das eigentliche Ziel meines Ausflugs. Schnur-straks durch den erleuchteten Tunnel in die Toiletten, Wasser auffüllen, mehr will ich nicht. Es ist nicht möglich die Bierflasche unter diese gehässigen Wasserhähne zu quetschen, die Schwerkraft unmöglich außer Gefecht zu setzen. Schlussendlich bekomme ich die Flasche doch noch zu einem guten Teil gefüllt. Da spricht mich ein Typ an, Sorte Turnschuh-tragender Athletik-Proll, Diesel Hose die männliche Geschlechtsmerkmale auf seltsame, mir fremde Weise hervorhebt. Wollte immer schon mal die dazu gehörenden Weibchen fragen was sie davon halten, das aber nur so nebenbei. Den Kapuzenpullover hat er weit in Gesicht gezogen, schmales Gesicht, unruhige wache Augen. Sofort schwirrt mir im Kopf herum, wie wenig Übung ich doch hatte mit ihm zu sprechen, da kommen auch schon die ersten Sätze durch Raum gehallt. Der Klang seiner Stimme in dem vier Meter hohen Raum passt sich nahtlos in die Kälte ein und führt die Szenerie der Toilette bis zu ihrer stilistischen Vollendung. Über den kleinen Waschbecken hängen keine Spiegel. Über den der Mädels vielleicht, doch sind auch deren Becken bierflaschenungeeignet, hatte ich bei meinem letzten Streifzug in die Räumlichkeiten schon herausgefunden. Er erzählt irgendwas von Studenten auf dem Karnevall der Verpeilten vor zwei Wochen, von deren drogenverseuchten Gesichtern. Bewunderung schwingt mit in seiner Stimme. Jedem den seinigen Lebensrythmus. Ich verschweige, dass ich ebenso mehr über Zetteln brüte als körperlich zu arbeiten. Überraschender Weise, beginnt er von sich zu erzählen, mir offenbarend, dass er auch dealt, aber nur mit Speed und Pappen. Ich bin gerührt ob so viel Größe. Von dem ersteren ist bereits einiges in ihm, so scheint mir. In seiner Stimme klingt Stolz eines jungen Mannes der noch nicht ganz tief gefallen ist und in dem Wissen das es noch schlimmer geht seine Würde zieht. Die subjektive Positionierung des Individuums drängt sich mir dieser Tage öfter auf. Blitzartig wird mir klar, dass die vermutete Existenzberechtigung nachmittäglicher Schwachsinnssendungen hier für mich ihre Auferstehung feiert. Ich habe seinen Namen vergessen. Hat er ihn mir gesagt? Nett ist er. Ich spreche weiter mit ihm. Weiter legt er mir seine Lebensorientierungs- und Gehhilfen ungeniert da, bin verblüfft ob so einer krassen einfältigen Ehrlichkeit die ihn mir sympathisch erscheinen lässt. Seine Mutter ist eine von diesen. Er zitiert sie gerne mit den Worten die irgendeinen langweiligen Zusammenhang zwischen wochen(un)endlichen Eskapaden und der Pflicht am Montag Leistung zu bringen herstellen. Er verpackt es nicht in eigene Worte, seltsam traurig wirkt das auf mich. Ich hatte nie das Gefühl mich mit solchen Maximen auseinander setzen zu müssen. Sie sind in mir, Verzerrungen bis zur Unkenntlichkeit inklusive, doch nie ist das Band gerissen, vielleicht deshalb. Verspüre Respekt vor ihm, denn ich habe das Gefühl, dass er viel tiefer sein könnte. Schlussendlich befinden wir uns schon wild plaudernd auf dem Rückweg aus dem gleißenden Neonlicht auf den Hof, zurück unter die roten Sterne. „Na dann ma, nochn schön Abend, viel Spaß Meister!“ Ich bin einen halben Kopf kleiner als er.

Berlin, 05102008

Eines Tages …

•Februar 12, 2010 • Hinterlasse einen Kommentar

… jedoch, noch tausend Jahre von jetzt, wird es Menschen geben, die versuchen, den Tod allein durch Intelligenz zu besiegen. Sie werden gegen das Alter und gegen den Tod mit Zaubertränken und ähnlichen Dingen zu Felde ziehen, mit medizinischen Waffen, die ihr Geist erfunden hat, und das Alter und der Tod werden von ihnen und ihren Medizinen zurückschrecken. Da sie jedoch alleine ihre Vernunft in den Kampf führen und auf dem Gebiet des Herzens und der Seele keinerlei Fortschritte machen, wird ihnen die wahre Unsterblichkeit versagt bleiben. Aber es darf auch nicht geschehen, dass sie die falsche Unsterblichkeit erlangen, die ihnen durch ihre geistigen Fähigkeiten ermöglicht wird, denn es wird grosses Unglück mit sich bringen, sollte es ihnen gelingen.

(Lalo in Tom Robbins, Pan Aroma, S. 195)

Rauf auf den Berg, raus aus den Wolken

•Februar 6, 2010 • 1 Kommentar

Hier sitze ich im Wohnzimmer, hoere Polka viel zu laut, vor mir ein Glas Wasser und eines mit Rum auf Eis. Ron Añecho SANTIAGO de Cuba. Der Blick aus dem Fenster gen Norden: gelbe Strassenlaternen, rote Ampeln, manchmal gruen, achtstoeckige Wohnhaeuser und weiter weg weiss ich, da sind Berge.

Am Montag schon fliege ich wieder nach Berlin. Seit November wird das meine vierte Flugreise in 13 Flugzeugen. Ich schwebe dahin und davon, daher wo auch immer. Einen Monat hier, eine Woche zwischendurch, einen Monat dort und wieder zurueck nach hier. Jetzt wieder los in noch mal eine ganz andere Welt. Es wirbelt nur so.

Ein indischer Elefantengott unter dem Bildschirm, auf welchem jener Text erscheint, starrt mich aus gruenen Augen an. Gestern war ich auf einer Ausstellung von Pierre Gonnord (http://www.pierregonnord.com). Terre de Personne zeigte Portraits, wie gemalt und Landschaftsaufnahmen von brennender Erde. Alte Frauen mit Bart doch voller Schoenheit, Bergbauarbeiter deren Augen glaenzten, vom Leben gezeichnete Koerper und Gesichter, die Anmut ausstrahlten. Menschen, als Bewohner, Gaeste dieses Planeten, die auch mal vertrieben werden, von seiner Gewalt, ihrer Kraft und Heiligkeit, die nicht nur ueber Pflanzen und Tiere herrscht. Der Planet die Mutter Erde. Gaia.

Keiner der Abgebildeten mit Namen wie Olympe, Konstantina, Bernardo oder Artopoeus hat jemals von so etwas wie einer Klimakonferenz gehoert, zumindest bin ich der festen Ueberzeugung. Doch gibt es so etwas ueberhaupt noch? Landstriche diese Erde, in denen es noch keine Computer gibt, kein Internet, keinen Konflikt zwischen Religionen, die uns hier in der westlichen Welt eigentlich gar nicht mehr so viel bedeuten? Jemanden der Obama und Osama  nicht kennt? Gestern habe ich sie gesehen und sie ruehren mich zu Traenen. Ein Teil von mir waere gern einer der Ihren. Nichts in der Welt, ausser die Glocke ueber mir, dessen Radius drei Tagesmaerschen entspricht. Leben, wie die Hobbits.  Doch die Frage bleibt: waere nicht gerade ich Bilbo, der auszieht, um die Welt zu erkunden? Wahrscheinlich. Statt im Land der Elben bin ich in Madrid gelandet. Wenn ich in einer Stunde ,nachts um halb zwei die Wohnungstuer hinter mir zu ziehe, fahre ich fuenf Stockwerke mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss, gehe durch den Hof, sage dem gelangweiltem Pfoertner, der mir jedes Mal aufs neue Leid tut, weil er nicht weiss, was er machen soll anstatt all die Ueberwachungsmonitore im Auge zu behalten: “hasta luego” und marschiere zur U-Bahn, um Paula aus der Bar ab zu holen, in der sie arbeitet. Die Frau, die ich in Indien kennen lernte und mit der ich um die halbe Welt fuhr. Auch in ihr hallen die Bilder von gestern nach, meine ich. Als wir heute frueher am Abend auf einer Bank sassen und einen Biomocca to go tranken sagte sie, sie koenne sich nicht vorstellen im Alter in einer Stadt zu leben. Das war nachdem wir zwei Hemden und eine Hose made in Myanmar und Bangladesch fuer jeweils zehn Euro gekauft hatten. Ach und drei Paare Unterhosen im Angebot fuer neunzehn funfundneunzig made in India.

Bevor ich gehe und mir verkrueppelte Kinder auf Werbeplakaten der Unicef mit der Unterschrift “HAITí TE NECESITA” wieder all diese gegensaetzlichen Gedanken aufdraengen, nehme ich noch ein heisses Bad. Das wird mir gut tun, nach den drei Glaesern Rum, die es inzwischen wurden. Nachher gehen wir noch auf eine Technoparty, hoffe ich, sodass ich das edle Zeug nicht nur des Genusses wegen trank.  Ich lasse auch nicht so viel Wasser ein.

Schneeballschlacht!

•Februar 3, 2010 • Hinterlasse einen Kommentar

Das war sie nun, die Weihnachtszeit – der besinnliche Sonntag des Jahres. Zu mindestens soll er das sein. Nun hatte die Kirche vor dem Bundesverfassungsgericht beklagt, dass selbst am Abend die Menschen keine Ruhe mehr finden, oder ihnen die Möglichkeit dazu genommen wird.
Stichwort: Ladenöffnungszeiten. Wie Löwen haben sich die Kommentatoren auf dieses Fressen gestürzt, weil der Name des Initiators dieser Klage ein so schönes Ziel liberaler individualistischer Doktrin des Ichs darstellt. Die Diskussion versank in sinnfreien Vergleichen, denn jeder würde doch wohl zustimmen, dass der Bierausschank am Sonntag unmöglich schließen kann oder nicht plötzlich alle Busse stehen bleiben können. Doch egal, das Thema ist durch und ich finde es gut so, das Ergebnis meine ich.
Nun ist den Menschen zwar die Möglichkeit genommen dem Events des Konsums auch an Sonntagen, jenen Tagen bewussten Erlebens von Zeit, ohne Grenzen zu huldigen, doch dies wird nicht dazu führen, dass die Betbuden wieder voll werden. Müssen sie auch nicht, wenn nur jeder selber für sich, oder im Kollektiv, die Zeit findet sich mit Dingen bewusst auseinander zu setzen, in sich zu agieren, reflektieren und nicht nur zu reagieren.
Vollführte man nun die ersten Schritte in der besinnlichen Weihnachtszeit stellte sich sofort die Frage nach dem ökologischen und politisch korrekten Verzehr von Schokolade. Denn der Grundstoff ist, wenn auch manchmal von Zucker übertroffen, Kakao. Und, Kakao ist böse! Außer es steht “fair-trade” und oder “bio” drauf. Dann ist die zerfließende Schokolade nicht mehr böse, nur leider noch all die die an anderer Stelle zu gleichem Maße konsumiert wird. Umsortiert. Stichwörter der Globalisierung prasselten auf uns ein und konfrontierten uns selbst am vierten Advent mit Fragen von Moral und Verantwortung wenn auf der Zunge ein kleines dunkles Stück Unschuld liegt und langsam schmelzend versinkt. Kinderarbeit, schutzlose Anwendung von Pestiziden und krasse Unterbezahlung. Elf Kilo Schokolade landet im Schnitt in jedem Bauch in Deutschland – ne Menge Arbeit in der Elfenbeinküste, Ghana und Venezuela mit der, welch Überraschung, auch wieder ein kriegerischer Konflikt in Nachbarländern finanziert wird.
Doch zum Glück gibt es “fair-trade” und “bio”. Labels, Images und Marken machen es möglich im Konsum Stellung zu beziehen. Ein Protest im Konsum gegen den Konsum. Das kommt gelegen und schmeckt gleich auch noch viel besser. Zu mindestens können wir jetzt gezielt, also ohne an der langen Kaffeetafel schief vom kritischen Sitznachbar angeschaut zu werden, kiloweise Schokolade in uns hineinfuttern und somit erhobenen Hauptes und mit gutem Gewissen unseren Planeten weiter heuschreckenartig zu Grunde konsumieren. Wenn wir also eines lernen in Zeiten von wieder aufkommenden kritischen Umweltbewusstsein, dann ist es die Sache so lange hin und her zu rechnen und zu schieben, bis am Ende nichts mehr übrig bleibt, das Schloss quasi aus dem Nichts entstanden ist – alle Bäume sind so weit ich gucken kann noch grün, bestens! Erinnert irgendwie an die durch die subprime-Krise ausgelösten Turbulenzen in der Weltwirtschaft.

Und als wäre es nicht genug, dass sich die überforderte Menschheit mit den politischen Konsequenzen ihres Konsums auseinandersetzen muss, kommt dieser und jener Tage eine weitere Dimension dazu. Wie ein Paukenschlag traf es all die Menschen, die zwischen den Geschenkpapierbergen wie possierliche Murmeltiere herausguckten und sich fragten was das denn wohl werden würde mit der Klimakonferenz in Kopenhagen Anfang des Jahres. Es wurde nichts, Begleitnotiz und moralische Aufschreie gehören da zum Guten Ton, nur nicht zu laut, denn sonst könnte sich der Sitznachbar auf dem Weg zum Kurzurlaub nach Thailand in seiner Ruhe gestört fühlen. Doch erstmal lässt es sich gut leben, unterstützt von vielen neuen, sich in der Klimadiskussion auftuenden, Geschäftslücken in denen sich jetzt vermehrt Geld verdienen lässt. Joseph Schumpeter hätte es Innovation oder schöpferischen Verdrängungsprozess genannt und seine Freude gehabt. Hat also das System uns doch in der Hand und wir sind auf Gedeih und Verderb uns selbst in diesem Goldfischglas ausgeliefert? Neulich habe ich eine Dokumentation gesehen, die sich mit Theorien beschäftigt hat, die den Untergang der Rapa Nui auf den Osterinseln zu erklären versuchen. Aus irgendeinem Grund hatten die Jungs auf ihrer Insel alle Palmen zur Strecke gebracht und sind dann daran untergegangen. Modellbeispiel für das ganze Raumschiff Erde?
“Ausgeliefert sein” führt uns auf den Gedanken im ersten Satz zurück. Klimaerwärmung, Kopenhagen, Fehlanzeige. Fehlanzeige war auf jeden Fall die Jahreszahl 2035 im Klimabericht des UN-Klimarates (IPCC). In jenem Jahr sollen die Himalaya-Gletscher verschwunden sein und mit ihr die flüssige Lebensgrundlage für mehr Menschen als sich gerade um ein einheitliches Europa streiten. Auch wenn die Zahl aus einer wilden Schätzung von 1999 übernommen wurde und nicht wie all die anderen Fakten in dieser Bibel unumstößlich ist, so ist mir die Aufregung doch reichlich fremd. Dürfen wir jetzt glücklich sein, weil all die Horroszenarien gar nicht wahr sind? Bestimmt schwingt diese insgeheime Hoffnung auch in der Empörung um diese fälschlich ausgewiesene Zahl mit.
In Berlin hat jemand auf diese ganze Diskussion seine eigene Antwort gefunden. Das Wetter – und mit ihm die Menschen in der Stadt. Es ist verdammt kalt. Wenn die Himalaya-Gletscher abtauen, keine Angst ihr Menschen aus Pakistan, Indien, Nepal, Buthan und Bangladesch – in Berlin entstehen dieser Tage neue! Es schneit, die Sonne hält sich gänzlich aus der Sache raus, macht gerade  wieder Urlaub über dem Australischen Kontinent und hier muss man sich fragen ob das Ergebnis von Kopenhagen denn so schlimm ist. Ein bisschen Klimaerwärmung würde uns gerade sehr gut tun, zumal sie auch unsere Abhängigkeit von russischem oder kaspischen Gas verringern würde und sich Joschka und Gerd nicht mehr zu streiten bräuchten und ihr Energie lieber in den Wiederaufbau Haitis investieren könnten. Dem ist aber nicht so, Punkt(.) Und so fühle ich mich mittlerweile gezwungen auch meine Wohnung zu heizen. Zur allgemeinen Erwärmung werden kollektive Schneeballschlachten organisiert. Vorletzte Woche fand eine im Görlitzer Park statt. Friedrichhain gegen Neukölln oder Kreuzberg gegen Neukölln oder dann doch Friedrichshain-Kreuzberg gegen Neukölln. In der Angelegenheit herrschte einige Verwirrung. Bei immer wieder knapp werdenden Glühwein war es doch ein großer Spaß, zumal es sogar der Polizei an diesem Sonntag zu kalt war die kleine Tanzmeute, die sich in Berlin immer zu bilden scheint, wenn auch nur mehr als 50 Menschen zusammenkommen, aufzulösen. So sind die Schneeballschlachten irgendwie eine Art Antwort auf Klimastreit und Afghanistan. Wieso Afghanistan? Mitten in der Januarkälte und dem Streit der CDU mit den Dünnbrettbohrern der FDP platzte der nächste Paukenschlag – laut der Süddeutschen Zeitung hat Merkel mit Steinmeier vereinbart die Abzugsdebatte um die Bundeswehr in Afghanistan aus dem parteipolitischen Zank herauszuhalten. Frechheit! Allein ein Versuch sollte strafbar sein. Sollte diese Ansage in den Ohren der streitmüden Politikaudienz eine frohe Botschaft sein? Es wird so aus der öffentlichen Schusslinie genommen – das passiert! Wichtige zu führende Diskussionen werden auf dem Altar der vermeintlichen Politikmüdigkeit geopfert. Und wer soll davon profitieren? Die Soldaten denen es schlecht geht zwischen all den schroffen Bergen dort unten, weil ihnen die Unterstützung der deutschen Öffentlichkeit fehlt? Tut mir leid – aber ich kenne jetzt keinen persönlich, der dafür war auch nur irgendjemanden dort auf den Rummel zu schicken. Jetzt wird mir also ein schlechtes Gewissen eingeredet. Indem ich dem kämpfenden Familienvater zwischen den sieben Hügeln öffentlich Mut mache, rechtfertige ich unsere Entscheidungsträger hier im, zugegebener Maßen recht kalten, politischen Berlin. Jetzt ist 2015 angedacht. Ein Schelm wer kurz nachrechnend zum Ergebnis kommt, dass dieses Datum nicht mehr in diese Legislaturperiode fällt, und dabei auch noch böses denkt. Schneeballschlacht!

 
Follow

Get every new post delivered to your Inbox.