Das war sie nun, die Weihnachtszeit – der besinnliche Sonntag des Jahres. Zu mindestens soll er das sein. Nun hatte die Kirche vor dem Bundesverfassungsgericht beklagt, dass selbst am Abend die Menschen keine Ruhe mehr finden, oder ihnen die Möglichkeit dazu genommen wird.
Stichwort: Ladenöffnungszeiten. Wie Löwen haben sich die Kommentatoren auf dieses Fressen gestürzt, weil der Name des Initiators dieser Klage ein so schönes Ziel liberaler individualistischer Doktrin des Ichs darstellt. Die Diskussion versank in sinnfreien Vergleichen, denn jeder würde doch wohl zustimmen, dass der Bierausschank am Sonntag unmöglich schließen kann oder nicht plötzlich alle Busse stehen bleiben können. Doch egal, das Thema ist durch und ich finde es gut so, das Ergebnis meine ich.
Nun ist den Menschen zwar die Möglichkeit genommen dem Events des Konsums auch an Sonntagen, jenen Tagen bewussten Erlebens von Zeit, ohne Grenzen zu huldigen, doch dies wird nicht dazu führen, dass die Betbuden wieder voll werden. Müssen sie auch nicht, wenn nur jeder selber für sich, oder im Kollektiv, die Zeit findet sich mit Dingen bewusst auseinander zu setzen, in sich zu agieren, reflektieren und nicht nur zu reagieren.
Vollführte man nun die ersten Schritte in der besinnlichen Weihnachtszeit stellte sich sofort die Frage nach dem ökologischen und politisch korrekten Verzehr von Schokolade. Denn der Grundstoff ist, wenn auch manchmal von Zucker übertroffen, Kakao. Und, Kakao ist böse! Außer es steht “fair-trade” und oder “bio” drauf. Dann ist die zerfließende Schokolade nicht mehr böse, nur leider noch all die die an anderer Stelle zu gleichem Maße konsumiert wird. Umsortiert. Stichwörter der Globalisierung prasselten auf uns ein und konfrontierten uns selbst am vierten Advent mit Fragen von Moral und Verantwortung wenn auf der Zunge ein kleines dunkles Stück Unschuld liegt und langsam schmelzend versinkt. Kinderarbeit, schutzlose Anwendung von Pestiziden und krasse Unterbezahlung. Elf Kilo Schokolade landet im Schnitt in jedem Bauch in Deutschland – ne Menge Arbeit in der Elfenbeinküste, Ghana und Venezuela mit der, welch Überraschung, auch wieder ein kriegerischer Konflikt in Nachbarländern finanziert wird.
Doch zum Glück gibt es “fair-trade” und “bio”. Labels, Images und Marken machen es möglich im Konsum Stellung zu beziehen. Ein Protest im Konsum gegen den Konsum. Das kommt gelegen und schmeckt gleich auch noch viel besser. Zu mindestens können wir jetzt gezielt, also ohne an der langen Kaffeetafel schief vom kritischen Sitznachbar angeschaut zu werden, kiloweise Schokolade in uns hineinfuttern und somit erhobenen Hauptes und mit gutem Gewissen unseren Planeten weiter heuschreckenartig zu Grunde konsumieren. Wenn wir also eines lernen in Zeiten von wieder aufkommenden kritischen Umweltbewusstsein, dann ist es die Sache so lange hin und her zu rechnen und zu schieben, bis am Ende nichts mehr übrig bleibt, das Schloss quasi aus dem Nichts entstanden ist – alle Bäume sind so weit ich gucken kann noch grün, bestens! Erinnert irgendwie an die durch die subprime-Krise ausgelösten Turbulenzen in der Weltwirtschaft.

Und als wäre es nicht genug, dass sich die überforderte Menschheit mit den politischen Konsequenzen ihres Konsums auseinandersetzen muss, kommt dieser und jener Tage eine weitere Dimension dazu. Wie ein Paukenschlag traf es all die Menschen, die zwischen den Geschenkpapierbergen wie possierliche Murmeltiere herausguckten und sich fragten was das denn wohl werden würde mit der Klimakonferenz in Kopenhagen Anfang des Jahres. Es wurde nichts, Begleitnotiz und moralische Aufschreie gehören da zum Guten Ton, nur nicht zu laut, denn sonst könnte sich der Sitznachbar auf dem Weg zum Kurzurlaub nach Thailand in seiner Ruhe gestört fühlen. Doch erstmal lässt es sich gut leben, unterstützt von vielen neuen, sich in der Klimadiskussion auftuenden, Geschäftslücken in denen sich jetzt vermehrt Geld verdienen lässt. Joseph Schumpeter hätte es Innovation oder schöpferischen Verdrängungsprozess genannt und seine Freude gehabt. Hat also das System uns doch in der Hand und wir sind auf Gedeih und Verderb uns selbst in diesem Goldfischglas ausgeliefert? Neulich habe ich eine Dokumentation gesehen, die sich mit Theorien beschäftigt hat, die den Untergang der Rapa Nui auf den Osterinseln zu erklären versuchen. Aus irgendeinem Grund hatten die Jungs auf ihrer Insel alle Palmen zur Strecke gebracht und sind dann daran untergegangen. Modellbeispiel für das ganze Raumschiff Erde?
“Ausgeliefert sein” führt uns auf den Gedanken im ersten Satz zurück. Klimaerwärmung, Kopenhagen, Fehlanzeige. Fehlanzeige war auf jeden Fall die Jahreszahl 2035 im Klimabericht des UN-Klimarates (IPCC). In jenem Jahr sollen die Himalaya-Gletscher verschwunden sein und mit ihr die flüssige Lebensgrundlage für mehr Menschen als sich gerade um ein einheitliches Europa streiten. Auch wenn die Zahl aus einer wilden Schätzung von 1999 übernommen wurde und nicht wie all die anderen Fakten in dieser Bibel unumstößlich ist, so ist mir die Aufregung doch reichlich fremd. Dürfen wir jetzt glücklich sein, weil all die Horroszenarien gar nicht wahr sind? Bestimmt schwingt diese insgeheime Hoffnung auch in der Empörung um diese fälschlich ausgewiesene Zahl mit.
In Berlin hat jemand auf diese ganze Diskussion seine eigene Antwort gefunden. Das Wetter – und mit ihm die Menschen in der Stadt. Es ist verdammt kalt. Wenn die Himalaya-Gletscher abtauen, keine Angst ihr Menschen aus Pakistan, Indien, Nepal, Buthan und Bangladesch – in Berlin entstehen dieser Tage neue! Es schneit, die Sonne hält sich gänzlich aus der Sache raus, macht gerade wieder Urlaub über dem Australischen Kontinent und hier muss man sich fragen ob das Ergebnis von Kopenhagen denn so schlimm ist. Ein bisschen Klimaerwärmung würde uns gerade sehr gut tun, zumal sie auch unsere Abhängigkeit von russischem oder kaspischen Gas verringern würde und sich Joschka und Gerd nicht mehr zu streiten bräuchten und ihr Energie lieber in den Wiederaufbau Haitis investieren könnten. Dem ist aber nicht so, Punkt(.) Und so fühle ich mich mittlerweile gezwungen auch meine Wohnung zu heizen. Zur allgemeinen Erwärmung werden kollektive Schneeballschlachten organisiert. Vorletzte Woche fand eine im Görlitzer Park statt. Friedrichhain gegen Neukölln oder Kreuzberg gegen Neukölln oder dann doch Friedrichshain-Kreuzberg gegen Neukölln. In der Angelegenheit herrschte einige Verwirrung. Bei immer wieder knapp werdenden Glühwein war es doch ein großer Spaß, zumal es sogar der Polizei an diesem Sonntag zu kalt war die kleine Tanzmeute, die sich in Berlin immer zu bilden scheint, wenn auch nur mehr als 50 Menschen zusammenkommen, aufzulösen. So sind die Schneeballschlachten irgendwie eine Art Antwort auf Klimastreit und Afghanistan. Wieso Afghanistan? Mitten in der Januarkälte und dem Streit der CDU mit den Dünnbrettbohrern der FDP platzte der nächste Paukenschlag – laut der Süddeutschen Zeitung hat Merkel mit Steinmeier vereinbart die Abzugsdebatte um die Bundeswehr in Afghanistan aus dem parteipolitischen Zank herauszuhalten. Frechheit! Allein ein Versuch sollte strafbar sein. Sollte diese Ansage in den Ohren der streitmüden Politikaudienz eine frohe Botschaft sein? Es wird so aus der öffentlichen Schusslinie genommen – das passiert! Wichtige zu führende Diskussionen werden auf dem Altar der vermeintlichen Politikmüdigkeit geopfert. Und wer soll davon profitieren? Die Soldaten denen es schlecht geht zwischen all den schroffen Bergen dort unten, weil ihnen die Unterstützung der deutschen Öffentlichkeit fehlt? Tut mir leid – aber ich kenne jetzt keinen persönlich, der dafür war auch nur irgendjemanden dort auf den Rummel zu schicken. Jetzt wird mir also ein schlechtes Gewissen eingeredet. Indem ich dem kämpfenden Familienvater zwischen den sieben Hügeln öffentlich Mut mache, rechtfertige ich unsere Entscheidungsträger hier im, zugegebener Maßen recht kalten, politischen Berlin. Jetzt ist 2015 angedacht. Ein Schelm wer kurz nachrechnend zum Ergebnis kommt, dass dieses Datum nicht mehr in diese Legislaturperiode fällt, und dabei auch noch böses denkt. Schneeballschlacht!
Veröffentlicht in Berlin, Sebastian, Treibgut